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2026-06-29 · 8 min

Elf Wochen für eine Ernte, die niemand mehr einfährt

Warum elf Wochen Sommerferien in Ungarn aus einem vagen Unbehagen über sechs Wochen in Deutschland eine klare Überzeugung gemacht haben: Der Schulkalender ist ein Relikt.

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Schon in Deutschland hat mich der Sommer jedes Jahr stutzig gemacht. Sechs Wochen am Stück, in denen die Schule einfach schließt — das kam mir nie wie eine durchdachte Entscheidung vor, sondern wie etwas historisch Gewachsenes, das längst nicht mehr passt. Ein Relikt, mit dem sich alle abgefunden hatten, weil es eben schon immer so war. Ehrlich gesagt empfand ich es als falsch, ohne genau benennen zu können, warum.

Dann zogen wir nach Ungarn, und aus dem leisen Stutzen wurde echtes Staunen. Statt sechs Wochen waren es plötzlich elf. Wir rechneten nach, wir lasen den Kalender zweimal: elf Wochen? Genau dieser Sprung machte aus meinem vagen Unbehagen eine klare Überzeugung. Die langen, starren Schulferien gehören abgeschafft — und wenn man den Gedanken zu Ende denkt, sogar die festen Schulferien überhaupt. Aber der Reihe nach.

Ungarn: aus sechs Wochen werden elf

In Deutschland sind die Sommerferien je nach Bundesland rund sechs Wochen lang und über mehrere Termine gestaffelt, damit nicht das halbe Land gleichzeitig verreist. In Ungarn gibt es keine Staffelung. Es gibt einen Termin, landesweit, am selben Tag. Das Schuljahr endet Mitte Juni — 2026 ist der letzte Schultag der 20. Juni — und beginnt erst am 1. September. Das sind rund elf Wochen am Stück, die längste Pause des Jahres.

Die Tücke steckt im Detail. Krippe und Kindergarten, auf Ungarisch bölcsőde und óvoda, laufen über den Sommer weiter, abgesehen von ein paar Schließwochen. Solange die Kinder klein sind, ist man also versorgt. Mit der Einschulung fällt das weg, und plötzlich stehen elf Wochen im Raum, für die nun die Eltern geradestehen müssen. Überbrückt wird das vor allem mit Sommercamps, auf Ungarisch tábor, meist wochenweise gebucht. Wer elf Wochen füllen will, reiht Camp an Camp, jedes mit eigener Anmeldung, eigenem Ort und eigener Packliste — ein Organisationsjob neben dem eigentlichen Job.

So gesehen ist der lange Sommer kein Geschenk an die Familie. Er ist eine Aufgabe, die die Schule abgibt und die Eltern lösen müssen. Ungarn macht damit nur größer und sichtbarer, was mich schon in Deutschland gestört hatte.

Wofür es die Ferien einmal gab

Die langen Sommerferien sind kein Naturgesetz und kein pädagogisches Konzept. Sie sind ein Überbleibsel aus einer Welt, die es nicht mehr gibt.

Über Jahrhunderte war der Alltag der meisten Familien von der Landwirtschaft bestimmt, und Kinder waren dabei keine reinen Schüler, sondern Arbeitskräfte. Die schulfreie Zeit richtete sich nach den Ernteperioden. Es gab Heuferien um Pfingsten, Ernteferien zur Getreideernte im Sommer, Kartoffelferien im Herbst, in Weinbaugegenden Ferien zur Lese. Man brauchte die Hände der Kinder beim Heuwenden, beim Auflesen der Kartoffeln, beim Einbringen des Getreides. Die Ferien waren keine Erholung, sie waren Erntehilfe.

Der Ehrlichkeit halber gehören zwei weitere Wurzeln dazu. Die sogenannten Hundstagsferien: In den heißesten Wochen war der Unterricht in schlecht belüfteten Räumen kaum zumutbar, also machte man frei. Und der kirchliche Kalender, der Pausen um die großen Feste vorgab. Den langen Sommerblock aber, um den es hier geht, prägten in Länge und Lage vor allem die Ernte.

Der Satz, der alles aussprach

Es gibt einen Moment, in dem dieser Wandel buchstäblich zu Protokoll gegeben wurde. In einer bayerischen Gemeinde entschied man sich erst im November 1964 dafür, die getrennten Ernte- und Herbstferien zu ungeteilten Sommerferien zusammenzulegen. Als Begründung steht im Sitzungsprotokoll nur ein einziger, lapidarer Satz: „Die Kinder werden zur Feldarbeit nicht mehr gebraucht."

Nüchterner kann man das Ende eines Grundsatzes nicht festhalten. Der Grund, aus dem die langen Sommerferien überhaupt existierten, war damit erledigt. Was danach kam, war kein neuer Sinn, sondern Verwaltung: Das Hamburger Abkommen von 1964 regelte die Zahl der Ferientage, später kam die Staffelung der Sommerferien dazu — nicht aus pädagogischen Gründen, sondern um Reiseverkehr und Urlaubsorte zu entzerren. Dass Bayern und Baden-Württemberg bis heute am spätesten Ferien haben, ist ausdrücklich ein Erbe der alten Erntezeiten.

Wir haben also eine Struktur konserviert, deren Begründung wir selbst verworfen hatten. Die Kinder werden zur Feldarbeit nicht mehr gebraucht — und die Ferien sind trotzdem geblieben, in voller Länge.

Was von dem Grund übrig blieb

Heute bringt kaum jemand die Sommerferien noch mit ihrem Ursprung in Verbindung. Sie gelten als selbstverständliche Erholungszeit. Aber wenn man fragt, welchem Zweck der lange, starre Block am Ende des Schuljahres heute tatsächlich dient, wird die Antwort dünn.

Er dient nicht mehr der Ernte. Er passt nicht zu Familien, in denen längst beide Eltern arbeiten und niemand zu Hause auf elf freie Wochen wartet. Er zwingt Familien dazu, ausgerechnet in den teuersten und vollsten Wochen des Jahres zu verreisen, weil dann alle gleichzeitig frei haben. Und er erzeugt jenen Betreuungsstress, den ich aus dem ungarischen Sommer kenne und der in milderer Form auch in Deutschland existiert. Am schwersten trifft das die Familien, die ohnehin am wenigsten Spielraum haben.

Mein Vorschlag: Schule ohne Ferien

Mein Vorschlag ist deshalb radikaler, als es die übliche Feriendebatte vorsieht: eine Schule ohne Ferien. Damit meine ich keine Schule ohne freie Zeit, sondern eine Schule, die wie fast jeder andere Teil unseres Lebens das ganze Jahr über geöffnet ist — und in der Kinder wie Lehrkräfte ihren Urlaub so nehmen, wie es die arbeitende Welt längst tut: als persönlichen Anspruch, flexibel, dann, wenn es passt.

Statt dass im Sommer das ganze Land gleichzeitig stillsteht, hätte jedes Kind ein festes Kontingent freier Wochen, das die Familie über das Jahr verteilt — und zwar genau dann, wenn die Eltern Urlaub nehmen können. Kinder und Eltern hätten endlich gleichzeitig frei, geplant und gemeinsam, statt wochenlang Betreuung organisieren zu müssen, während die Eltern arbeiten. Auch die Lehrkräfte nähmen ihren Urlaub gestaffelt, so wie es in jedem anderen Beruf mit durchgehendem Betrieb selbstverständlich ist.

Der teure, überfüllte Hochsommer verlöre damit seinen Zwang. Familien könnten im Mai ans Meer, im Oktober in die Berge, im Februar zu den Großeltern — wann immer es für sie stimmt. Der Urlaub richtete sich nach der Familie, nicht die Familie nach dem Schulkalender. Und die immer geöffnete Schule wäre für alle da, die keine freie Woche frei wählen können: als verlässlicher Ort, nicht als Loch im Kalender.

Was dagegen spricht, und was nicht

Ich will es mir nicht zu leicht machen, also die ernsthaften Einwände.

Der naheliegendste betrifft die Lehrkräfte. Die langen Ferien sind heute auch Erholung von einem fordernden Beruf, und ein ganzjähriger Betrieb bräuchte genug Personal, damit überhaupt jemand gestaffelt Urlaub nehmen kann. Den zweiten Teil nehme ich ernst: Ohne genug Lehrerinnen und Lehrer und ohne faire Bedingungen funktioniert nichts davon, und schon gar nicht auf deren Kosten.

Den ersten Teil aber drehe ich um. Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben heute rund 63 schulfreie Werktage im Jahr, also gut zwölf Wochen. Bekämen sie stattdessen, wie die arbeitende Welt, dreißig Urlaubstage, wären das etwa sechs Wochen weniger frei — und damit sechs Wochen mehr Unterricht. Diese Zeit bedeutet aber nicht mehr Stoff, sondern denselben Stoff über mehr Tage verteilt. Das entzerrt den Leistungsdruck, schafft Luft, Versäumtes aufzuholen, und senkt am Ende auch die Belastung der Lehrkräfte: Wer für denselben Lehrplan mehr Zeit hat, muss weniger durch den Stoff hetzen. Schule ohne Ferien wäre dann nicht mehr Arbeit auf einmal, sondern weniger Druck über das ganze Jahr.

Der zweite Einwand ist die Hitze. Die alten Hundstagsferien hatten einen realen Grund, und der Klimawandel verstärkt ihn eher. Das stimmt — aber es spricht für eine Pause in den heißesten Wochen, nicht für einen starren Block nach festem Kalender. Hitzefrei lässt sich gezielter lösen als mit einem Vierteljahr Stillstand.

Der dritte betrifft den Unterricht selbst: Wenn Kinder zu unterschiedlichen Zeiten fehlen, lässt sich eine Klasse schwerer als Einheit führen. Das ist eine echte pädagogische Herausforderung. Schulen gehen heute schon mit Fehltagen um, und mehr individuelles Lernen kann helfen, aber leugnen will ich das Problem nicht.

Und schließlich die Gerechtigkeit, der Einwand, der mir am meisten am Herzen liegt. Ein flexibles Modell nützt zuerst Familien mit flexiblen Jobs. Genau deshalb steht und fällt der Vorschlag mit der immer geöffneten Schule: Sie muss für jedes Kind, dessen Eltern den Urlaub nicht frei wählen können, ein verlässlicher, guter, kostenloser Ort sein. Richtig gebaut, löst die Schule ohne Ferien das Betreuungsproblem besser als das heutige System — falsch gebaut, würde sie es nach unten weiterreichen.

Wofür ich am Ende bin

Die elf ungarischen Wochen sind kein Geschenk, wenn man sie damit verbringt, die Kinder von einem Camp zum nächsten zu reichen, während man selbst arbeitet. Und die sechs deutschen Wochen sind nicht besser, nur kürzer. Beide folgen einem Takt, der für eine Welt gemacht war, in der Kinder im Sommer aufs Feld mussten.

Die Ernte ist längst eingefahren, und für sie wurden die Kinder nie gebraucht; eine bayerische Gemeinde hat das schon 1964 zu Protokoll gegeben. Es wäre an der Zeit, dass der Kalender es ihr nachmacht. Nicht, damit Kinder weniger freihaben, sondern damit sie ihre freie Zeit mit den Menschen verbringen können, die dann auch wirklich Zeit haben.

— Andreas Kurt Peter Reuter