2026-06-30 · 7 min
Drei Fremde und ein Karton Orangen
Was Freiheit des Einzelnen wirklich heißt, habe ich nicht in einem Gesetz gelernt, sondern im Supermarkt, im Kreisverkehr und an einem Gartenzaun in Szombathely: in Ruhe gelassen zu werden, wo man zurechtkommt — und nie allein, wo man Hilfe braucht.
Über Freiheit reden in Deutschland viele, und oft meinen sie damit, dass ihnen jemand etwas verbieten will. Hier in Szombathely habe ich angefangen, das Wort anders zu verstehen — weniger als Abwesenheit von Regeln, mehr als eine bestimmte Art, einander zu begegnen. Es hat gedauert, bis ich sie benennen konnte.
Vorweg eine Beobachtung, die fast alles trägt, was danach kommt: Die Menschen hier haben einen Stolz, und sie tragen untereinander eine Art leisen Wettbewerb aus — nicht darum, wer das größere Auto fährt, sondern darum, wer freundlicher, zuvorkommender, höflicher ist. Das klingt klein, aber es verändert den ganzen Alltag. Angefangen hat es bei mir mit einem Karton Orangen.
Drei Fremde und ein Karton Orangen
Ich stand vor dem Obstregal, und aus irgendeinem Grund begann der gestapelte Karton zu rutschen. Es waren eine Menge Orangen, und sie kullerten über den halben Gang. Ich bückte mich und fing an, sie einzusammeln.
Als ich aufsah, bemerkte ich, dass drei Menschen, ohne ein Wort miteinander oder mit mir gewechselt zu haben, ihre Einkaufswagen einfach hatten stehen lassen und mit mir die Orangen aufsammelten. Es ging vollkommen geräuschlos vonstatten. Keiner machte eine Bemerkung, keiner wartete auf Dank, keiner machte ein Ereignis daraus. Als der Boden leer war, zog jeder seines Weges, als wäre nichts gewesen.
Genau das war der Punkt, der mich angenehm berührt hat: nicht dass geholfen wurde, sondern wie. Ohne Worte, ohne Blick, ohne mich in die Verlegenheit zu bringen, mich überschwänglich bedanken zu müssen. Geholfen und weitergegangen.
Dieselbe Grammatik
Wenn man einmal darauf achtet, sieht man dieselbe Grammatik überall.
Ein verwirrter älterer Herr irrt zu Fuß durch einen zweispurigen Kreisverkehr. Ein Autofahrer hält an — mitten im Kreisverkehr —, steigt aus und führt den Mann am Arm heraus. Niemand hupt, niemand regt sich auf, niemand ruft etwas. Die anderen fahren langsam weiter, der Vorgang ist zu Ende, fertig. In Deutschland hätte allein das Hupkonzert den Mann mehr in Gefahr gebracht als der Verkehr.
Oder die Kinder. Dein Kind ist in der Öffentlichkeit, und jeder — wirklich jeder — schaut, ob es ihm gut geht. An der Straße, im Schwimmbad: Bevor du selbst reagieren kannst, ist schon jemand bei deinem Kind und verhindert die Gefahr, ruhig, ohne Aufhebens. Du stehst vor einer kleinen Münz-Eisenbahn und hast kein Kleingeld? Eine Frau oder ein Mann hält inne, nimmt den Geldbeutel und gibt dir 400 Forint, damit dein Kind seine Runde drehen kann. Auch das wieder beiläufig, fast verschämt, ohne sich wichtig zu machen.
Es ist immer dieselbe Bewegung: Die Hand öffnet sich genau in dem Moment, in dem sie gebraucht wird, und zieht sich sofort wieder zurück.
Die andere Hälfte: in Ruhe gelassen
Und jetzt die zweite Hälfte, ohne die die erste nur die halbe Wahrheit wäre. Dieselben Menschen, die wortlos helfen, mischen sich in nichts ein, was sie nichts angeht.
Reich und arm wohnen nebeneinander, kein Problem. Ein Messie und ein Ordnungsfanatiker als Nachbarn, kein Problem. Jeder ist für sein Eigentum verantwortlich, und niemand redet dem anderen hinein. Dass dich jemand anspricht, deine Brennnesseln seien zu hoch und die Samen flögen auf sein Grundstück — undenkbar. Die Grenze ist die Grundstücksgrenze, der telekhatár; dort endet die eigene Befugnis, und dort endet sie wirklich.
Dasselbe gilt für Blicke. Frauen, leicht bekleidet im Sommer, werden nicht angemacht, niemand pfeift hinterher, niemand macht eindeutige Angebote, niemand fasst ungefragt an. Man sieht, dass die Frauen sich hier sicher fühlen — weil ihre Kleidung, ihr Körper, ihre Erscheinung als ihre Sache gelten und nicht als öffentliche Angelegenheit, zu der jeder eine Meinung beisteuern dürfte. Es wird nicht einmal angestarrt; sobald eine Frau hinschaut, schauen die Männer weg. Das Recht, sich anzuziehen, wie man möchte, ist hier kein Streitthema, sondern eine Selbstverständlichkeit, über die niemand viele Worte verliert.
Am weitesten ging mir das an einem alten fogadó, einem Gasthof neben dem Spielplatz. Christina wollte wissen, wie lange er schon in Betrieb ist, und bat eine ungarische Freundin, den Besitzer zu fragen. Die Freundin überlegte und sagte, sie frage lieber nicht: Der Besitzer könnte sich beleidigt fühlen, weil die Möbel so alt sind, und sich womöglich schämen. Eine völlig harmlose Frage — und doch wog ihr die mögliche Verletzung der Würde eines Fremden schwerer als die eigene Neugier.
Da geht der Respekt also nicht nur bis zum Zaun und bis zum Körper, sondern bis ins Innere des anderen, bis zu seinem Stolz.
Was das mit Freiheit zu tun hat
Lange dachte ich, Freiheit des Einzelnen heiße vor allem: in Ruhe gelassen werden. Hier habe ich gelernt, dass das nur die eine Hälfte ist und für sich genommen kalt wäre. Die andere Hälfte ist, dass man trotzdem nicht allein gelassen wird, wenn es darauf ankommt.
Die ganze Mentalität, zumindest hier in Szombathely, im Komitat Vas, läuft auf diese eine Linie hinaus: Dein Körper, dein Eigentum, deine Entscheidungen, deine Würde gehören dir — und niemand fühlt sich berufen, darüber zu richten. Aber wo du wirklich ins Straucheln gerätst, ist sofort jemand da, hilft, und verschwindet wieder, ohne dass du dafür bezahlst, weder mit Geld noch mit Verlegenheit.
In Deutschland sitzt der Reflex anders. Dort meint Hilfsbereitschaft oft, eine Meinung zu haben und sie auch zu äußern — über den Rasen des Nachbarn, über die Erziehung am Nebentisch, über die Kleidung der Frau, über das, was man selbst anders machen würde. Der Brief wegen der Brennnesseln, das Ordnungsamt, der gut gemeinte Hinweis: Das ist ein Einmischen, das sich für Fürsorge hält. Hier habe ich das Gegenteil erlebt — Nähe ohne Übergriff, Abstand ohne Gleichgültigkeit.
Was man dagegen halten kann
Ich will es mir nicht zu schön machen, also die ehrlichen Einwände.
Dieselbe Zurückhaltung, die mich an der Geschichte mit dem Gasthof rührt, kann auch ihren Preis haben. Wo man eine harmlose Frage lieber nicht stellt, um niemanden zu beschämen, bleibt manches eben auch ungefragt, ungesagt, ungeklärt. Was als Takt erscheint, kann an anderer Stelle Konfliktscheu sein. Und das Prinzip, sich nicht einzumischen, ist eine schöne Tugend, solange es um Brennnesseln geht — es wäre keine mehr, wenn es bedeutete, bei echtem Unrecht wegzusehen. Den Punkt, an dem das eine ins andere kippt, habe ich hier nicht erlebt, aber ich behaupte nicht, dass es ihn nicht gibt.
Und ich bin ein Deutscher, der seit ein paar Jahren in einer westungarischen Stadt lebt. Das Komitat Vas ist nicht ganz Ungarn, mein Eindruck ist kein Beweis, und es gibt mit Sicherheit Straßen und Tage, an denen nichts von alledem stimmt. Ich beschreibe ein gefühltes Muster, kein Gesetz, und ich möchte aus einem echten Menschenschlag keine Postkarte machen.
Wofür ich am Ende bin
Was bleibt, ist trotzdem ziemlich klar, und ich nehme es für uns mit. Ich möchte unseren drei Söhnen genau diese Mischung vorleben: helfen, ohne den anderen klein zu machen. Die Grenze des anderen achten — seinen Zaun, seinen Körper, seinen Stolz —, und das Urteil für mich behalten. Da sein, wo es zählt, und still sein, wo es mich nichts angeht.
Drei Fremde haben einmal wortlos mit mir Orangen aufgesammelt und sind dann weitergegangen. Freier, glaube ich, kann ein Mensch dem anderen kaum begegnen.
— Andreas Kurt Peter Reuter