2026-06-30 · 8 min
Mit drei Kindern steuerfrei — Ungarns Familienpolitik 2026
Seit dem 1. Oktober 2025 zahlen Mütter mit drei Kindern in Ungarn keine Einkommensteuer mehr. Was nach Schlagzeile klingt, ist Gesetz — mit ein paar Feinheiten, die man kennen sollte, bevor man sich davon blenden lässt.
Seit dem 1. Oktober 2025 zahlen Mütter mit drei Kindern in Ungarn keine Einkommensteuer mehr. Was nach Schlagzeile klingt, ist Gesetz — mit ein paar Feinheiten, die man kennen sollte, bevor man sich davon blenden lässt.
Ungarn · Familie · Steuern · Gesellschaft
Warum dieser Artikel?
Eines vorweg, damit kein falscher Eindruck entsteht: Wir sind nicht wegen der Steuer hier. Wir sind 2023 nach Szombathely gezogen, und mit der ungarischen Familienpolitik hatte das nichts zu tun. Ich halte einen Steuersatz auch für keinen guten Grund, ein Land zu wechseln — wer wegen einer Vergünstigung auswandert, hat sich vorher vermutlich die falsche Frage gestellt. Zwischen unserem Auswandern und dem Umstand, dass Mütter mit drei Kindern hier steuerfrei sind, gibt es schlicht keinen Zusammenhang.
Trotzdem stößt man, wenn man hier lebt, früher oder später auf eine Regelung, die einen aufhorchen lässt. Seit dem 1. Oktober 2025 zahlen Mütter mit drei oder mehr Kindern in Ungarn keine Einkommensteuer mehr auf ihr Arbeitseinkommen. Keine. Null Prozent. Unabhängig vom Alter der Kinder, unabhängig davon, ob sie noch im Haushalt leben oder längst erwachsen sind — sobald eine Frau drei Kinder hat, entfällt die Steuer.
Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein, und deshalb haben wir es nachgelesen: im Gesetz, auf den Seiten der Steuerbehörde NAV, in den Berichten von Familien, die das hinter sich haben. Was hier steht, ist Gelesenes und Gehörtes, kein Fall aus einer Steuerkanzlei.
Die Regelung
Im Kern ist sie so schlicht, wie sie klingt. Befreit ist die személyi jövedelemadó, die Einkommensteuer — ein flacher Satz von 15 Prozent, den hier sonst alle zahlen. Die Befreiung gilt lebenslang und knüpft an eine ältere Regelung an, die seit 2020 schon für Mütter mit vier und mehr Kindern galt; jetzt wurde sie auf die deutlich größere Gruppe der Drei-Kind-Mütter ausgeweitet. Nach Angaben der Regierung betrifft das rund 250.000 Frauen.
Der altersunabhängige Teil ist der eigentliche Bruch mit früheren Modellen. Es zählt nicht, ob die Kinder im Kindergarten sind oder selbst schon Kinder haben. Auch eine Mutter dreier erwachsener Söhne ist seit Oktober 2025 von der Einkommensteuer befreit.
Was steuerfrei heißt — und was nicht
Hier lohnt das Kleingedruckte, denn „steuerfrei" wird im Kopf schnell zu „alles netto", und das stimmt nicht.
Befreit ist nur das aktive Einkommen: Lohn und Gehalt, bestimmte Einkünfte aus selbstständiger Arbeit, dazu Leistungen wie das Wochenbett- und Kinderbetreuungsgeld. Nicht befreit ist, was nicht aus Arbeit stammt — Kapitalerträge wie Zinsen, Dividenden und Kursgewinne, und Mieteinnahmen. Die Logik dahinter ist deutlich: Belohnt werden soll die Erwerbsarbeit der Mütter, nicht das Vermögen.
Vor allem aber bleiben die Sozialbeiträge. Die 18,5 Prozent für Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, die társadalombiztosítási járulék, werden weiterhin vom Bruttolohn abgezogen. Es entfällt allein die Einkommensteuer. Das ist fair, denn es sichert den Versicherungsschutz — aber wer mit dem ganzen Brutto auf dem Konto rechnet, rechnet falsch.
An dieser Stelle kommt ein zweites Instrument ins Spiel, die Familienermäßigung, ungarisch családi kedvezmény. Sie ist kein Betrag, der ausgezahlt wird, sondern ein Freibetrag, der das zu versteuernde Einkommen senkt; was an Steuer wegfällt, sind 15 Prozent davon. Dieser Freibetrag wurde zum 1. Juli 2025 um die Hälfte und zum 1. Januar 2026 noch einmal angehoben, sodass er sich gegenüber dem alten Stand verdoppelt hat. Für eine Familie mit drei Kindern macht das im Jahr 2026 zusammengenommen rund 2,4 Millionen Forint (etwa 6.300 Euro) aus. Und weil der nicht genutzte Teil dieses Freibetrags zu 15 Prozent auf die Sozialbeiträge angerechnet werden kann, wirkt er sogar dann noch, wenn gar keine Einkommensteuer mehr anfällt — also bei genau jenen Müttern, die ohnehin schon befreit sind. Erst diese Kombination bringt manche Familien nah an das „fast alles netto" heran.
Der Zeitplan
Die Reform kam nicht auf einen Schlag, sondern wird über Jahre ausgerollt, und es lohnt, den heutigen Stand vom Angekündigten zu trennen.
In Kraft ist seit dem 1. Oktober 2025 die Befreiung für Mütter mit drei oder mehr Kindern. Seit dem 1. Januar 2026 ist die Zwei-Kind-Befreiung dazugekommen, zunächst für Mütter unter 40 Jahren; zum selben Stichtag wurde die Familienermäßigung verdoppelt, und Mütter unter 30 mit einem Kind sind seither auf ihr gesamtes Einkommen steuerfrei, nachdem die frühere Obergrenze gefallen ist. Das alles gilt heute, Mitte 2026, bereits.
Beschlossen, aber noch in der Zukunft liegt die weitere Staffelung der Zwei-Kind-Befreiung nach Alter: ab 2027 für Mütter unter 50, ab 2028 für Mütter unter 60, und ab 2029 schließlich für alle Mütter mit zwei Kindern, unabhängig vom Alter. Daneben besteht, schon länger, die Befreiung für Mütter mit vier und mehr Kindern (seit 2020) und die Steuerfreiheit für alle unter 25 bis zur Höhe des Durchschnittslohns.
Was es konkret bedeutet
Ein Beispiel, mit den Zahlen, die die Regierung selbst nennt: Für eine Familie mit drei Kindern und einem Durchschnittseinkommen bedeutet die Befreiung der Mutter rund 109.000 Forint mehr im Monat, also etwa 1,3 Millionen Forint im Jahr. Bei einer Mutter, die 600.000 Forint brutto verdient, sind es die vollen 15 Prozent Einkommensteuer, die wegfallen — rund 90.000 Forint monatlich.
Man muss diese Beträge aber neben die 18,5 Prozent Sozialbeiträge legen, die bleiben. Die Befreiung ist spürbar, aber sie ist nicht das ganze Brutto, sondern dessen steuerlicher Anteil — beim aktuellen ungarischen Durchschnittsverdienst von gut 770.000 Forint im Monat ein erheblicher, aber eben begrenzter Posten.
Wie man es bekommt
Der Weg ist kürzer, als der deutsche Reflex erwarten lässt. Die Befreiung wird über eine Steuererklärung beim Arbeitgeber geltend gemacht oder direkt über das Onlineportal der NAV. Seit 2026 lässt sich erklären, dass diese Angabe als fortlaufende Vorauszahlungserklärung gilt — sie muss also nicht jedes Jahr neu eingereicht werden, sondern bleibt gültig, bis man eine neue abgibt. Wer den Weg über den Arbeitgeber nicht geht, holt sich den zu viel gezahlten Betrag über die Jahressteuererklärung als Einmalbetrag zurück. Voraussetzung ist, dass die Kinder einen ungarischen Wohnsitz gemeldet haben.
Für zugezogene Familien, deren Lage selten dem Lehrbuchfall entspricht, ist ein auf Auswanderer spezialisierter könyvelő oder adótanácsadó die Kosten einer Ersteinschätzung meist wert — das ist der Rat, den man von erfahrenen Familien immer wieder hört.
Was man dazu sagen muss
Damit das Bild ehrlich bleibt: Das ist eine steuerzentrierte Familienpolitik, und Steuern entlasten am stärksten den, der viel verdient. Wer wenig oder gar nichts versteuert — die Nichterwerbstätige, die Alleinerziehende ohne tragfähigen Job —, hat von einem Steuererlass wenig. Die Befreiung gilt zudem für Mütter, nicht für Väter, was man als gezielte Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit lesen kann oder als Festschreiben einer Rollenverteilung. Und sie fällt in ein politisch aufgeladenes Umfeld; ob die Beträge auf Dauer tragfähig sind, ist eine offene Frage. All das gehört dazu, wenn man die Schlagzeile nüchtern einordnen will.
Was aber stimmt, ist die Größenordnung. Im Verhältnis zu dem, was wir aus Deutschland kennen, behandelt dieser Staat ein drittes Kind als etwas, das er mittragen will, und nicht als etwas, das man rechtfertigen muss. Man muss das nicht zum Auswanderungsgrund erklären, um es bemerkenswert zu finden.
— Andreas Kurt Peter Reuter
Hinweis und Stand: Dieser Text ist die Sicht einer Familie, die liest und nachfragt, keine Steuerberatung. Die Regelungen geben den Stand Mitte 2026 wieder, wie ihn die ungarische Steuerbehörde NAV veröffentlicht und Steuerpraktiker zusammenfassen; die politische Einordnung stützt sich auf Regierungsangaben und Berichterstattung. Steuerrecht ändert sich, und jede Familie ist ein eigener Fall.