# Die Reuters — Full Content ## Die Reuters — Seiteninhalt hero.eyebrow: die reuters — die Familie hero.title: Die Menschen hinter allem. hero.text: 2023 sind wir mit drei kleinen Söhnen von Deutschland nach Szombathely in Ungarn ausgewandert. diereuters.de ist der Ort, an dem wir davon erzählen — von der Auswanderung, vom Leben zwischen zwei Ländern, und von den Gedanken, aus denen vier Welten gewachsen sind. fuerWenHeading: Für wen das hier ist fuerWenText: Für Deutsche, die wie wir in Ungarn neu angefangen haben. Für Deutsche zu Hause, die wissen wollen, wie sich das anfühlt. Und für Ungarn, die neugierig sind, wie Deutsche hier leben und denken. fuerWenBlogBtn: Zum Blog who.title: Wer wir sind who.intro: Hinter jedem Projekt stehen zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Stärken — und einer gemeinsamen Haltung. who.andreas.name: Andreas Reuter who.andreas.role: Der Antrieb who.andreas.text: Andreas stellt seit Jahren dieselbe Frage: Warum wird Technik immer mächtiger, aber für immer mehr Menschen immer schwerer zu bedienen? Aus dieser Frage ist inhuma entstanden — und mit ihr alles andere. who.christina.name: Christina Reuter who.christina.role: Apothekerin who.christina.text: Christina bringt den Blick auf den Menschen mit, wenn er Hilfe braucht. Ihre Erfahrung als Apothekerin ist die Brücke zu dem, was uns am meisten am Herzen liegt: Menschen, die mit Technik allein gelassen werden, nicht allein zu lassen. story.title: Unsere Geschichte story.intro: Vom Standesamt in Deutschland bis zu einem Eventhaus in Westungarn — und einem Ort mit langer eigener Vergangenheit. story.items.year: 2020 story.items.text: Andreas und Christina heiraten. story.items.year: 2021–2023 story.items.text: Drei Söhne kommen zur Welt — Andreas, Leon und Jakob. story.items.year: 2023 story.items.text: Die Familie wandert nach Szombathely (Ungarn) aus. Ein neues Zuhause, eine neue Sprache, ein Neuanfang zu fünft. story.items.year: Der Ort story.items.text: Der Ort hat selbst eine Geschichte: von der Steinmetz-Werkstatt über den Goldschmied Buderka bis zur Familie Reuter. story.items.year: 1. Mai 2026 story.items.text: Eröffnung des Eventhauses bogati24 — unser realer Ort der Begegnung. story.items.year: seit 2026 story.items.text: Die Projekte nehmen Form an: inhuma neu gedacht, robotcheck als erstes echtes Produkt, Comita als Dienst für Menschen. family.title: Die Familie family.text: Wir sind zu fünft: Andreas und Christina, und unsere drei Söhne Andreas (2021), Leon (2022) und Jakob (2023). Alle drei wachsen hier in Szombathely auf und gehen in den ungarischen Kindergarten — zweisprachig von Anfang an. Aus Andreas' erster Ehe gehören drei erwachsene Kinder zur Familie, die in Deutschland leben und arbeiten. family.note: PLATZHALTER: Namen der drei erwachsenen Kinder erst nach deren Einverständnis ergänzen. Schreibweisen aus dem Entwurf gegenprüfen. worlds.title: Unsere Welten worlds.intro: Vier Domains, ein Gedanke. Jede steht für eine Schicht desselben Vorhabens. worlds.items.key: inhuma worlds.items.name: inhuma.de worlds.items.tag: Der Denkraum worlds.items.text: Unser Nachdenken über die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. worlds.items.key: bogati24 worlds.items.name: bogati24.hu worlds.items.tag: Die reale Welt worlds.items.text: Unser Eventhaus in Szombathely. Ein Ort, an dem Menschen wirklich zusammenkommen. worlds.items.key: robotcheck worlds.items.name: robotcheck.coffee worlds.items.tag: Die virtuelle Welt worlds.items.text: Unser erstes digitales Werkzeug: prüft, wie gut KI und Suchmaschinen eine Website lesen können. worlds.items.key: heycomita worlds.items.name: heycomita.com worlds.items.tag: Der Dienst worlds.items.text: Comita verbindet Technik mit einem echten Menschen und macht das technisierte Zuhause wieder bedienbar. values.title: Woran wir glauben values.items.title: Technik dient dem Menschen. values.items.text: Nicht umgekehrt. Das ist der rote Faden durch alles, was wir tun. values.items.title: Daten bleiben zu Hause. values.items.text: Wo es geht, arbeiten wir lokal und ohne Cloud — und hosten sogar unsere Schrift selbst. values.items.title: Familie ist der Maßstab. values.items.text: Wir bauen Dinge, die wir auch unseren eigenen Eltern und Kindern in die Hand geben würden. --- ## Mit drei Kindern steuerfrei — Ungarns Familienpolitik 2026 Date: 2026-06-30 Tags: Ungarn, Familie, Steuern, Gesellschaft Seit dem 1. Oktober 2025 zahlen Mütter mit drei Kindern in Ungarn keine Einkommensteuer mehr. Was nach Schlagzeile klingt, ist Gesetz — mit ein paar Feinheiten, die man kennen sollte, bevor man sich davon blenden lässt. *Ungarn · Familie · Steuern · Gesellschaft* ## Warum dieser Artikel? Eines vorweg, damit kein falscher Eindruck entsteht: Wir sind nicht wegen der Steuer hier. Wir sind 2023 nach Szombathely gezogen, und mit der ungarischen Familienpolitik hatte das nichts zu tun. Ich halte einen Steuersatz auch für keinen guten Grund, ein Land zu wechseln — wer wegen einer Vergünstigung auswandert, hat sich vorher vermutlich die falsche Frage gestellt. Zwischen unserem Auswandern und dem Umstand, dass Mütter mit drei Kindern hier steuerfrei sind, gibt es schlicht keinen Zusammenhang. Trotzdem stößt man, wenn man hier lebt, früher oder später auf eine Regelung, die einen aufhorchen lässt. Seit dem 1. Oktober 2025 zahlen Mütter mit drei oder mehr Kindern in Ungarn keine Einkommensteuer mehr auf ihr Arbeitseinkommen. Keine. Null Prozent. Unabhängig vom Alter der Kinder, unabhängig davon, ob sie noch im Haushalt leben oder längst erwachsen sind — sobald eine Frau drei Kinder hat, entfällt die Steuer. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein, und deshalb haben wir es nachgelesen: im Gesetz, auf den Seiten der Steuerbehörde NAV, in den Berichten von Familien, die das hinter sich haben. Was hier steht, ist Gelesenes und Gehörtes, kein Fall aus einer Steuerkanzlei. ## Die Regelung Im Kern ist sie so schlicht, wie sie klingt. Befreit ist die *személyi jövedelemadó*, die Einkommensteuer — ein flacher Satz von 15 Prozent, den hier sonst alle zahlen. Die Befreiung gilt lebenslang und knüpft an eine ältere Regelung an, die seit 2020 schon für Mütter mit vier und mehr Kindern galt; jetzt wurde sie auf die deutlich größere Gruppe der Drei-Kind-Mütter ausgeweitet. Nach Angaben der Regierung betrifft das rund 250.000 Frauen. Der altersunabhängige Teil ist der eigentliche Bruch mit früheren Modellen. Es zählt nicht, ob die Kinder im Kindergarten sind oder selbst schon Kinder haben. Auch eine Mutter dreier erwachsener Söhne ist seit Oktober 2025 von der Einkommensteuer befreit. ## Was steuerfrei heißt — und was nicht Hier lohnt das Kleingedruckte, denn „steuerfrei" wird im Kopf schnell zu „alles netto", und das stimmt nicht. Befreit ist nur das *aktive* Einkommen: Lohn und Gehalt, bestimmte Einkünfte aus selbstständiger Arbeit, dazu Leistungen wie das Wochenbett- und Kinderbetreuungsgeld. Nicht befreit ist, was nicht aus Arbeit stammt — Kapitalerträge wie Zinsen, Dividenden und Kursgewinne, und Mieteinnahmen. Die Logik dahinter ist deutlich: Belohnt werden soll die Erwerbsarbeit der Mütter, nicht das Vermögen. Vor allem aber bleiben die Sozialbeiträge. Die 18,5 Prozent für Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, die *társadalombiztosítási járulék*, werden weiterhin vom Bruttolohn abgezogen. Es entfällt allein die Einkommensteuer. Das ist fair, denn es sichert den Versicherungsschutz — aber wer mit dem ganzen Brutto auf dem Konto rechnet, rechnet falsch. An dieser Stelle kommt ein zweites Instrument ins Spiel, die Familienermäßigung, ungarisch *családi kedvezmény*. Sie ist kein Betrag, der ausgezahlt wird, sondern ein Freibetrag, der das zu versteuernde Einkommen senkt; was an Steuer wegfällt, sind 15 Prozent davon. Dieser Freibetrag wurde zum 1. Juli 2025 um die Hälfte und zum 1. Januar 2026 noch einmal angehoben, sodass er sich gegenüber dem alten Stand verdoppelt hat. Für eine Familie mit drei Kindern macht das im Jahr 2026 zusammengenommen rund 2,4 Millionen Forint (etwa 6.300 Euro) aus. Und weil der nicht genutzte Teil dieses Freibetrags zu 15 Prozent auf die Sozialbeiträge angerechnet werden kann, wirkt er sogar dann noch, wenn gar keine Einkommensteuer mehr anfällt — also bei genau jenen Müttern, die ohnehin schon befreit sind. Erst diese Kombination bringt manche Familien nah an das „fast alles netto" heran. ## Der Zeitplan Die Reform kam nicht auf einen Schlag, sondern wird über Jahre ausgerollt, und es lohnt, den heutigen Stand vom Angekündigten zu trennen. In Kraft ist seit dem 1. Oktober 2025 die Befreiung für Mütter mit drei oder mehr Kindern. Seit dem 1. Januar 2026 ist die Zwei-Kind-Befreiung dazugekommen, zunächst für Mütter unter 40 Jahren; zum selben Stichtag wurde die Familienermäßigung verdoppelt, und Mütter unter 30 mit einem Kind sind seither auf ihr gesamtes Einkommen steuerfrei, nachdem die frühere Obergrenze gefallen ist. Das alles gilt heute, Mitte 2026, bereits. Beschlossen, aber noch in der Zukunft liegt die weitere Staffelung der Zwei-Kind-Befreiung nach Alter: ab 2027 für Mütter unter 50, ab 2028 für Mütter unter 60, und ab 2029 schließlich für alle Mütter mit zwei Kindern, unabhängig vom Alter. Daneben besteht, schon länger, die Befreiung für Mütter mit vier und mehr Kindern (seit 2020) und die Steuerfreiheit für alle unter 25 bis zur Höhe des Durchschnittslohns. ## Was es konkret bedeutet Ein Beispiel, mit den Zahlen, die die Regierung selbst nennt: Für eine Familie mit drei Kindern und einem Durchschnittseinkommen bedeutet die Befreiung der Mutter rund 109.000 Forint mehr im Monat, also etwa 1,3 Millionen Forint im Jahr. Bei einer Mutter, die 600.000 Forint brutto verdient, sind es die vollen 15 Prozent Einkommensteuer, die wegfallen — rund 90.000 Forint monatlich. Man muss diese Beträge aber neben die 18,5 Prozent Sozialbeiträge legen, die bleiben. Die Befreiung ist spürbar, aber sie ist nicht das ganze Brutto, sondern dessen steuerlicher Anteil — beim aktuellen ungarischen Durchschnittsverdienst von gut 770.000 Forint im Monat ein erheblicher, aber eben begrenzter Posten. ## Wie man es bekommt Der Weg ist kürzer, als der deutsche Reflex erwarten lässt. Die Befreiung wird über eine Steuererklärung beim Arbeitgeber geltend gemacht oder direkt über das Onlineportal der NAV. Seit 2026 lässt sich erklären, dass diese Angabe als fortlaufende Vorauszahlungserklärung gilt — sie muss also nicht jedes Jahr neu eingereicht werden, sondern bleibt gültig, bis man eine neue abgibt. Wer den Weg über den Arbeitgeber nicht geht, holt sich den zu viel gezahlten Betrag über die Jahressteuererklärung als Einmalbetrag zurück. Voraussetzung ist, dass die Kinder einen ungarischen Wohnsitz gemeldet haben. Für zugezogene Familien, deren Lage selten dem Lehrbuchfall entspricht, ist ein auf Auswanderer spezialisierter *könyvelő* oder *adótanácsadó* die Kosten einer Ersteinschätzung meist wert — das ist der Rat, den man von erfahrenen Familien immer wieder hört. ## Was man dazu sagen muss Damit das Bild ehrlich bleibt: Das ist eine steuerzentrierte Familienpolitik, und Steuern entlasten am stärksten den, der viel verdient. Wer wenig oder gar nichts versteuert — die Nichterwerbstätige, die Alleinerziehende ohne tragfähigen Job —, hat von einem Steuererlass wenig. Die Befreiung gilt zudem für Mütter, nicht für Väter, was man als gezielte Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit lesen kann oder als Festschreiben einer Rollenverteilung. Und sie fällt in ein politisch aufgeladenes Umfeld; ob die Beträge auf Dauer tragfähig sind, ist eine offene Frage. All das gehört dazu, wenn man die Schlagzeile nüchtern einordnen will. Was aber stimmt, ist die Größenordnung. Im Verhältnis zu dem, was wir aus Deutschland kennen, behandelt dieser Staat ein drittes Kind als etwas, das er mittragen will, und nicht als etwas, das man rechtfertigen muss. Man muss das nicht zum Auswanderungsgrund erklären, um es bemerkenswert zu finden. — Andreas Kurt Peter Reuter --- *Hinweis und Stand: Dieser Text ist die Sicht einer Familie, die liest und nachfragt, keine Steuerberatung. Die Regelungen geben den Stand Mitte 2026 wieder, wie ihn die ungarische Steuerbehörde NAV veröffentlicht und Steuerpraktiker zusammenfassen; die politische Einordnung stützt sich auf Regierungsangaben und Berichterstattung. Steuerrecht ändert sich, und jede Familie ist ein eigener Fall.* --- ## Drei Fremde und ein Karton Orangen Date: 2026-06-30 Tags: Ungarn, Alltag, Freiheit, Gesellschaft Über Freiheit reden in Deutschland viele, und oft meinen sie damit, dass ihnen jemand etwas verbieten will. Hier in Szombathely habe ich angefangen, das Wort anders zu verstehen — weniger als Abwesenheit von Regeln, mehr als eine bestimmte Art, einander zu begegnen. Es hat gedauert, bis ich sie benennen konnte. Vorweg eine Beobachtung, die fast alles trägt, was danach kommt: Die Menschen hier haben einen Stolz, und sie tragen untereinander eine Art leisen Wettbewerb aus — nicht darum, wer das größere Auto fährt, sondern darum, wer freundlicher, zuvorkommender, höflicher ist. Das klingt klein, aber es verändert den ganzen Alltag. Angefangen hat es bei mir mit einem Karton Orangen. ## Drei Fremde und ein Karton Orangen Ich stand vor dem Obstregal, und aus irgendeinem Grund begann der gestapelte Karton zu rutschen. Es waren eine Menge Orangen, und sie kullerten über den halben Gang. Ich bückte mich und fing an, sie einzusammeln. Als ich aufsah, bemerkte ich, dass drei Menschen, ohne ein Wort miteinander oder mit mir gewechselt zu haben, ihre Einkaufswagen einfach hatten stehen lassen und mit mir die Orangen aufsammelten. Es ging vollkommen geräuschlos vonstatten. Keiner machte eine Bemerkung, keiner wartete auf Dank, keiner machte ein Ereignis daraus. Als der Boden leer war, zog jeder seines Weges, als wäre nichts gewesen. Genau das war der Punkt, der mich angenehm berührt hat: nicht dass geholfen wurde, sondern *wie*. Ohne Worte, ohne Blick, ohne mich in die Verlegenheit zu bringen, mich überschwänglich bedanken zu müssen. Geholfen und weitergegangen. ## Dieselbe Grammatik Wenn man einmal darauf achtet, sieht man dieselbe Grammatik überall. Ein verwirrter älterer Herr irrt zu Fuß durch einen zweispurigen Kreisverkehr. Ein Autofahrer hält an — mitten im Kreisverkehr —, steigt aus und führt den Mann am Arm heraus. Niemand hupt, niemand regt sich auf, niemand ruft etwas. Die anderen fahren langsam weiter, der Vorgang ist zu Ende, fertig. In Deutschland hätte allein das Hupkonzert den Mann mehr in Gefahr gebracht als der Verkehr. Oder die Kinder. Dein Kind ist in der Öffentlichkeit, und jeder — wirklich jeder — schaut, ob es ihm gut geht. An der Straße, im Schwimmbad: Bevor du selbst reagieren kannst, ist schon jemand bei deinem Kind und verhindert die Gefahr, ruhig, ohne Aufhebens. Du stehst vor einer kleinen Münz-Eisenbahn und hast kein Kleingeld? Eine Frau oder ein Mann hält inne, nimmt den Geldbeutel und gibt dir 400 Forint, damit dein Kind seine Runde drehen kann. Auch das wieder beiläufig, fast verschämt, ohne sich wichtig zu machen. Es ist immer dieselbe Bewegung: Die Hand öffnet sich genau in dem Moment, in dem sie gebraucht wird, und zieht sich sofort wieder zurück. ## Die andere Hälfte: in Ruhe gelassen Und jetzt die zweite Hälfte, ohne die die erste nur die halbe Wahrheit wäre. Dieselben Menschen, die wortlos helfen, mischen sich in nichts ein, was sie nichts angeht. Reich und arm wohnen nebeneinander, kein Problem. Ein Messie und ein Ordnungsfanatiker als Nachbarn, kein Problem. Jeder ist für sein Eigentum verantwortlich, und niemand redet dem anderen hinein. Dass dich jemand anspricht, deine Brennnesseln seien zu hoch und die Samen flögen auf sein Grundstück — undenkbar. Die Grenze ist die Grundstücksgrenze, der *telekhatár*; dort endet die eigene Befugnis, und dort endet sie wirklich. Dasselbe gilt für Blicke. Frauen, leicht bekleidet im Sommer, werden nicht angemacht, niemand pfeift hinterher, niemand macht eindeutige Angebote, niemand fasst ungefragt an. Man sieht, dass die Frauen sich hier sicher fühlen — weil ihre Kleidung, ihr Körper, ihre Erscheinung als ihre Sache gelten und nicht als öffentliche Angelegenheit, zu der jeder eine Meinung beisteuern dürfte. Es wird nicht einmal angestarrt; sobald eine Frau hinschaut, schauen die Männer weg. Das Recht, sich anzuziehen, wie man möchte, ist hier kein Streitthema, sondern eine Selbstverständlichkeit, über die niemand viele Worte verliert. Am weitesten ging mir das an einem alten *fogadó*, einem Gasthof neben dem Spielplatz. Christina wollte wissen, wie lange er schon in Betrieb ist, und bat eine ungarische Freundin, den Besitzer zu fragen. Die Freundin überlegte und sagte, sie frage lieber nicht: Der Besitzer könnte sich beleidigt fühlen, weil die Möbel so alt sind, und sich womöglich schämen. Eine völlig harmlose Frage — und doch wog ihr die mögliche Verletzung der Würde eines Fremden schwerer als die eigene Neugier. Da geht der Respekt also nicht nur bis zum Zaun und bis zum Körper, sondern bis ins Innere des anderen, bis zu seinem Stolz. ## Was das mit Freiheit zu tun hat Lange dachte ich, Freiheit des Einzelnen heiße vor allem: in Ruhe gelassen werden. Hier habe ich gelernt, dass das nur die eine Hälfte ist und für sich genommen kalt wäre. Die andere Hälfte ist, dass man trotzdem nicht allein gelassen wird, wenn es darauf ankommt. Die ganze Mentalität, zumindest hier in Szombathely, im Komitat *Vas*, läuft auf diese eine Linie hinaus: Dein Körper, dein Eigentum, deine Entscheidungen, deine Würde gehören dir — und niemand fühlt sich berufen, darüber zu richten. Aber wo du wirklich ins Straucheln gerätst, ist sofort jemand da, hilft, und verschwindet wieder, ohne dass du dafür bezahlst, weder mit Geld noch mit Verlegenheit. In Deutschland sitzt der Reflex anders. Dort meint Hilfsbereitschaft oft, eine Meinung zu haben und sie auch zu äußern — über den Rasen des Nachbarn, über die Erziehung am Nebentisch, über die Kleidung der Frau, über das, was man selbst anders machen würde. Der Brief wegen der Brennnesseln, das Ordnungsamt, der gut gemeinte Hinweis: Das ist ein Einmischen, das sich für Fürsorge hält. Hier habe ich das Gegenteil erlebt — Nähe ohne Übergriff, Abstand ohne Gleichgültigkeit. ## Was man dagegen halten kann Ich will es mir nicht zu schön machen, also die ehrlichen Einwände. Dieselbe Zurückhaltung, die mich an der Geschichte mit dem Gasthof rührt, kann auch ihren Preis haben. Wo man eine harmlose Frage lieber nicht stellt, um niemanden zu beschämen, bleibt manches eben auch ungefragt, ungesagt, ungeklärt. Was als Takt erscheint, kann an anderer Stelle Konfliktscheu sein. Und das Prinzip, sich nicht einzumischen, ist eine schöne Tugend, solange es um Brennnesseln geht — es wäre keine mehr, wenn es bedeutete, bei echtem Unrecht wegzusehen. Den Punkt, an dem das eine ins andere kippt, habe ich hier nicht erlebt, aber ich behaupte nicht, dass es ihn nicht gibt. Und ich bin ein Deutscher, der seit ein paar Jahren in einer westungarischen Stadt lebt. Das Komitat Vas ist nicht ganz Ungarn, mein Eindruck ist kein Beweis, und es gibt mit Sicherheit Straßen und Tage, an denen nichts von alledem stimmt. Ich beschreibe ein gefühltes Muster, kein Gesetz, und ich möchte aus einem echten Menschenschlag keine Postkarte machen. ## Wofür ich am Ende bin Was bleibt, ist trotzdem ziemlich klar, und ich nehme es für uns mit. Ich möchte unseren drei Söhnen genau diese Mischung vorleben: helfen, ohne den anderen klein zu machen. Die Grenze des anderen achten — seinen Zaun, seinen Körper, seinen Stolz —, und das Urteil für mich behalten. Da sein, wo es zählt, und still sein, wo es mich nichts angeht. Drei Fremde haben einmal wortlos mit mir Orangen aufgesammelt und sind dann weitergegangen. Freier, glaube ich, kann ein Mensch dem anderen kaum begegnen. — Andreas Kurt Peter Reuter --- ## Elf Wochen für eine Ernte, die niemand mehr einfährt Date: 2026-06-29 Tags: Familie, Schule, Ungarn, Gesellschaft Schon in Deutschland hat mich der Sommer jedes Jahr stutzig gemacht. Sechs Wochen am Stück, in denen die Schule einfach schließt — das kam mir nie wie eine durchdachte Entscheidung vor, sondern wie etwas historisch Gewachsenes, das längst nicht mehr passt. Ein Relikt, mit dem sich alle abgefunden hatten, weil es eben schon immer so war. Ehrlich gesagt empfand ich es als falsch, ohne genau benennen zu können, warum. Dann zogen wir nach Ungarn, und aus dem leisen Stutzen wurde echtes Staunen. Statt sechs Wochen waren es plötzlich elf. Wir rechneten nach, wir lasen den Kalender zweimal: elf Wochen? Genau dieser Sprung machte aus meinem vagen Unbehagen eine klare Überzeugung. Die langen, starren Schulferien gehören abgeschafft — und wenn man den Gedanken zu Ende denkt, sogar die festen Schulferien überhaupt. Aber der Reihe nach. ## Ungarn: aus sechs Wochen werden elf In Deutschland sind die Sommerferien je nach Bundesland rund sechs Wochen lang und über mehrere Termine gestaffelt, damit nicht das halbe Land gleichzeitig verreist. In Ungarn gibt es keine Staffelung. Es gibt einen Termin, landesweit, am selben Tag. Das Schuljahr endet Mitte Juni — 2026 ist der letzte Schultag der 20. Juni — und beginnt erst am 1. September. Das sind rund elf Wochen am Stück, die längste Pause des Jahres. Die Tücke steckt im Detail. Krippe und Kindergarten, auf Ungarisch bölcsőde und óvoda, laufen über den Sommer weiter, abgesehen von ein paar Schließwochen. Solange die Kinder klein sind, ist man also versorgt. Mit der Einschulung fällt das weg, und plötzlich stehen elf Wochen im Raum, für die nun die Eltern geradestehen müssen. Überbrückt wird das vor allem mit Sommercamps, auf Ungarisch tábor, meist wochenweise gebucht. Wer elf Wochen füllen will, reiht Camp an Camp, jedes mit eigener Anmeldung, eigenem Ort und eigener Packliste — ein Organisationsjob neben dem eigentlichen Job. So gesehen ist der lange Sommer kein Geschenk an die Familie. Er ist eine Aufgabe, die die Schule abgibt und die Eltern lösen müssen. Ungarn macht damit nur größer und sichtbarer, was mich schon in Deutschland gestört hatte. ## Wofür es die Ferien einmal gab Die langen Sommerferien sind kein Naturgesetz und kein pädagogisches Konzept. Sie sind ein Überbleibsel aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Über Jahrhunderte war der Alltag der meisten Familien von der Landwirtschaft bestimmt, und Kinder waren dabei keine reinen Schüler, sondern Arbeitskräfte. Die schulfreie Zeit richtete sich nach den Ernteperioden. Es gab Heuferien um Pfingsten, Ernteferien zur Getreideernte im Sommer, Kartoffelferien im Herbst, in Weinbaugegenden Ferien zur Lese. Man brauchte die Hände der Kinder beim Heuwenden, beim Auflesen der Kartoffeln, beim Einbringen des Getreides. Die Ferien waren keine Erholung, sie waren Erntehilfe. Der Ehrlichkeit halber gehören zwei weitere Wurzeln dazu. Die sogenannten Hundstagsferien: In den heißesten Wochen war der Unterricht in schlecht belüfteten Räumen kaum zumutbar, also machte man frei. Und der kirchliche Kalender, der Pausen um die großen Feste vorgab. Den langen Sommerblock aber, um den es hier geht, prägten in Länge und Lage vor allem die Ernte. ## Der Satz, der alles aussprach Es gibt einen Moment, in dem dieser Wandel buchstäblich zu Protokoll gegeben wurde. In einer bayerischen Gemeinde entschied man sich erst im November 1964 dafür, die getrennten Ernte- und Herbstferien zu ungeteilten Sommerferien zusammenzulegen. Als Begründung steht im Sitzungsprotokoll nur ein einziger, lapidarer Satz: „Die Kinder werden zur Feldarbeit nicht mehr gebraucht." Nüchterner kann man das Ende eines Grundsatzes nicht festhalten. Der Grund, aus dem die langen Sommerferien überhaupt existierten, war damit erledigt. Was danach kam, war kein neuer Sinn, sondern Verwaltung: Das Hamburger Abkommen von 1964 regelte die Zahl der Ferientage, später kam die Staffelung der Sommerferien dazu — nicht aus pädagogischen Gründen, sondern um Reiseverkehr und Urlaubsorte zu entzerren. Dass Bayern und Baden-Württemberg bis heute am spätesten Ferien haben, ist ausdrücklich ein Erbe der alten Erntezeiten. Wir haben also eine Struktur konserviert, deren Begründung wir selbst verworfen hatten. Die Kinder werden zur Feldarbeit nicht mehr gebraucht — und die Ferien sind trotzdem geblieben, in voller Länge. ## Was von dem Grund übrig blieb Heute bringt kaum jemand die Sommerferien noch mit ihrem Ursprung in Verbindung. Sie gelten als selbstverständliche Erholungszeit. Aber wenn man fragt, welchem Zweck der lange, starre Block am Ende des Schuljahres heute tatsächlich dient, wird die Antwort dünn. Er dient nicht mehr der Ernte. Er passt nicht zu Familien, in denen längst beide Eltern arbeiten und niemand zu Hause auf elf freie Wochen wartet. Er zwingt Familien dazu, ausgerechnet in den teuersten und vollsten Wochen des Jahres zu verreisen, weil dann alle gleichzeitig frei haben. Und er erzeugt jenen Betreuungsstress, den ich aus dem ungarischen Sommer kenne und der in milderer Form auch in Deutschland existiert. Am schwersten trifft das die Familien, die ohnehin am wenigsten Spielraum haben. ## Mein Vorschlag: Schule ohne Ferien Mein Vorschlag ist deshalb radikaler, als es die übliche Feriendebatte vorsieht: eine Schule ohne Ferien. Damit meine ich keine Schule ohne freie Zeit, sondern eine Schule, die wie fast jeder andere Teil unseres Lebens das ganze Jahr über geöffnet ist — und in der Kinder wie Lehrkräfte ihren Urlaub so nehmen, wie es die arbeitende Welt längst tut: als persönlichen Anspruch, flexibel, dann, wenn es passt. Statt dass im Sommer das ganze Land gleichzeitig stillsteht, hätte jedes Kind ein festes Kontingent freier Wochen, das die Familie über das Jahr verteilt — und zwar genau dann, wenn die Eltern Urlaub nehmen können. Kinder und Eltern hätten endlich gleichzeitig frei, geplant und gemeinsam, statt wochenlang Betreuung organisieren zu müssen, während die Eltern arbeiten. Auch die Lehrkräfte nähmen ihren Urlaub gestaffelt, so wie es in jedem anderen Beruf mit durchgehendem Betrieb selbstverständlich ist. Der teure, überfüllte Hochsommer verlöre damit seinen Zwang. Familien könnten im Mai ans Meer, im Oktober in die Berge, im Februar zu den Großeltern — wann immer es für sie stimmt. Der Urlaub richtete sich nach der Familie, nicht die Familie nach dem Schulkalender. Und die immer geöffnete Schule wäre für alle da, die keine freie Woche frei wählen können: als verlässlicher Ort, nicht als Loch im Kalender. ## Was dagegen spricht, und was nicht Ich will es mir nicht zu leicht machen, also die ernsthaften Einwände. Der naheliegendste betrifft die Lehrkräfte. Die langen Ferien sind heute auch Erholung von einem fordernden Beruf, und ein ganzjähriger Betrieb bräuchte genug Personal, damit überhaupt jemand gestaffelt Urlaub nehmen kann. Den zweiten Teil nehme ich ernst: Ohne genug Lehrerinnen und Lehrer und ohne faire Bedingungen funktioniert nichts davon, und schon gar nicht auf deren Kosten. Den ersten Teil aber drehe ich um. Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben heute rund 63 schulfreie Werktage im Jahr, also gut zwölf Wochen. Bekämen sie stattdessen, wie die arbeitende Welt, dreißig Urlaubstage, wären das etwa sechs Wochen weniger frei — und damit sechs Wochen mehr Unterricht. Diese Zeit bedeutet aber nicht mehr Stoff, sondern denselben Stoff über mehr Tage verteilt. Das entzerrt den Leistungsdruck, schafft Luft, Versäumtes aufzuholen, und senkt am Ende auch die Belastung der Lehrkräfte: Wer für denselben Lehrplan mehr Zeit hat, muss weniger durch den Stoff hetzen. Schule ohne Ferien wäre dann nicht mehr Arbeit auf einmal, sondern weniger Druck über das ganze Jahr. Der zweite Einwand ist die Hitze. Die alten Hundstagsferien hatten einen realen Grund, und der Klimawandel verstärkt ihn eher. Das stimmt — aber es spricht für eine Pause in den heißesten Wochen, nicht für einen starren Block nach festem Kalender. Hitzefrei lässt sich gezielter lösen als mit einem Vierteljahr Stillstand. Der dritte betrifft den Unterricht selbst: Wenn Kinder zu unterschiedlichen Zeiten fehlen, lässt sich eine Klasse schwerer als Einheit führen. Das ist eine echte pädagogische Herausforderung. Schulen gehen heute schon mit Fehltagen um, und mehr individuelles Lernen kann helfen, aber leugnen will ich das Problem nicht. Und schließlich die Gerechtigkeit, der Einwand, der mir am meisten am Herzen liegt. Ein flexibles Modell nützt zuerst Familien mit flexiblen Jobs. Genau deshalb steht und fällt der Vorschlag mit der immer geöffneten Schule: Sie muss für jedes Kind, dessen Eltern den Urlaub nicht frei wählen können, ein verlässlicher, guter, kostenloser Ort sein. Richtig gebaut, löst die Schule ohne Ferien das Betreuungsproblem besser als das heutige System — falsch gebaut, würde sie es nach unten weiterreichen. ## Wofür ich am Ende bin Die elf ungarischen Wochen sind kein Geschenk, wenn man sie damit verbringt, die Kinder von einem Camp zum nächsten zu reichen, während man selbst arbeitet. Und die sechs deutschen Wochen sind nicht besser, nur kürzer. Beide folgen einem Takt, der für eine Welt gemacht war, in der Kinder im Sommer aufs Feld mussten. Die Ernte ist längst eingefahren, und für sie wurden die Kinder nie gebraucht; eine bayerische Gemeinde hat das schon 1964 zu Protokoll gegeben. Es wäre an der Zeit, dass der Kalender es ihr nachmacht. Nicht, damit Kinder weniger freihaben, sondern damit sie ihre freie Zeit mit den Menschen verbringen können, die dann auch wirklich Zeit haben. — Andreas Kurt Peter Reuter